Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats November:

Antje Wagner: Hyde. Weinheim/Basel: Beltz & Gelberg 2018.

Von wilden Kindern, Katzen und Häusern

„Was ist die Ursache für Liebe? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Liebe nicht verschwindet, wenn der Mensch, dem sie gilt, stirbt. […] Sie ist in meinem Innern, streift suchend umher, heimatlos, mit wunden Füßen, sehnsüchtigen Händen.“

Der Umgang mit Verlust in seiner radikalsten Form ist eines der elementaren Themen von Antje Wagners neuem Roman. Die Ich-Erzählerin Katrina hat durch eine Brandstiftung nicht nur ihre zentralen Bezugspersonen – Vater und Zwillingsschwester – verloren, sondern auch Heimat, Haus und körperliche Integrität. Nase und Mund wurden durch Verbrennungen beinahe unkenntlich gemacht, weshalb sie nur sehr undeutlich sprechen kann und zumeist ein Tuch vor dem Gesicht trägt. Katrinas Verletzungen, vom gesellschaftlichen Umfeld als „Entstellungen“ wahrgenommen, grenzen die Protagonistin aus. Dies fungiert im Roman als zusätzliche körperliche Intensivierung eines Umstandes, der aber auch ohne Verletzung gegeben wäre. Denn Katrina ist fern ab der Zivilisation im Wald aufgewachsen. Bis zur Katastrophe lebten sie, ihr Vater und ihre Schwester Zoe in einem versteckten Haus im Wald, in Einklang mit der Natur und mit nur marginalem Kontakt zur Außenwelt. Das Motiv von Dr. Jekyll und seiner Schattenidentität Mr. Hyde, nach der auch das Haus im Wald benannt ist, taucht im Buch immer wieder auf. Anders als in der landläufigen Interpretation bezeichnet Hyde jedoch nicht das ursächlich Schlechte, Abstoßende, sondern vielmehr das Verborgene und Fremde. Es wird von der Gesellschaft als furchterregend wahrgenommen, weil es anders ist, nicht weil es wirklich böse ist. Die Metapher trifft auf viele Elemente des Textes zu, auf Katrinas Verletzung, auf das Leben im Wald und auch auf das gruselige Haus Waldkauz, auf das sie im Verlauf des Werkes stoßen wird.

Der kunstvoll arrangierte Roman gliedert sich in zwei Teile und umfasst mehrere Zeitebenen. Gespickt von Suspense-Momenten und Cliffhangern entfaltet er sich wie ein Mosaikbild, das seine Geheimnisse nur langsam, Steinchen um Steinchen, preisgibt.

In der aktuellen Erzählzeit ist Katrina fiebrig bei Schnee unterwegs. Gerade volljährig geworden, geht die gelernte Tischlerin auf die Walz. Sie streift zu Fuß und per Autostopp durch die Welt, getrieben von dem Plan, durch Gelegenheitsarbeiten ihre sogenannte „Kriegskasse“ aufzufüllen. Rache an den Brandstiftern ist ihr Ziel. Mit sich führt die Protagonistin nichts als ihre Kleidung und eine Tasche voller überlebenswichtiger Gegenstände, die ihr ein hinreichend autarkes Überleben ermöglichen: selbstgemachte Shampoos und Salben, Kräuter und  Wurzeln. Bei Einsetzen des Romans wird sie von der Radioastrologin Josefine im Auto mitgenommen und in einen Gasthof gebracht. Dort kann die Protagonistin eine Anstellung finden und sich auskurieren. In guter antiker Tradition gibt Josefine ihr außerdem einen Orakelspruch mit auf den Weg, der sie in ihrem kommenden Tun leiten wird.

Unangenehme Vorfälle führen dazu, dass Katrina Hals über Kopf aus der Herberge flüchtet. Sie stiehlt das Auto des Gasthofinhabers und fährt damit in immer abgelegenere Ortschaften, bis ihre Flucht vor den Toren des verlassenen und vernagelten Hauses Waldkauz zum Stillstand kommt. Durch einen Schneesturm gezwungen, verschafft sie sich Zugang zum Haus und verbringt dort eine eisige und unheimliche Nacht. Der Eintritt durch das Gartentor markiert hierbei einen Umschwung vom bisher eher realistisch gehaltenen Erzählstil hin zu magischeren Elementen. Katrina hört nachts scharrende Geräusche im Obergeschoss, die aus einem verschlossenen, mit einem Herz verzierten Zimmer kommen. Sie fühlt eigenartige Kältefelder durchs Haus ziehen und trifft auf eine schwer verletzte, einmal männlich und dann wieder weiblich wirkende Katze. Trotz all diesen Merkwürdigkeiten trifft Katrina eine schicksalswendende Entscheidung: Anstatt ihre Vendetta fortzuführen, sucht sie um den Posten als Verwalterin des Hauses an und beginnt es zu restaurieren. Dabei pflegt sie auch die Katze und schlussendlich sogar sich selbst gesund. Denn Figur, Katze und Haus, Innenleben und Außenwelt präsentieren sich in der textuellen Tiefenstruktur als eng miteinander verwoben.

Die Passagen erzählter Gegenwart alterieren im Text mit Impressionen der Vergangenheit. Im ersten Abschnitt des Buches erfahren wir Details aus dem Leben in Hyde. Dieses wird als idyllisch und paradiesisch dargestellt, wobei der Roman zahlreiche Hinweise darauf liefert, dass es sich jenseits der Legalität abspielt. So sind Haus und Garten hinter dichten Hecken verborgen. In der Dämmerung ist es den Kindern verboten das Haus zu verlassen. Treffen sie auf andere Menschen, tarnen sie sich mit Handys und geben vor Musik zu hören und Computerspiele zu spielen, um nicht mit den Leuten sprechen zu müssen. Warum sich ihr Leben im Verborgenen abspielt, bleibt hierbei lange Zeit im Dunklen.

Die Vergangenheitsimpressionen des zweiten Teils verhalten sich kontrastiv zu jenen des ersten. An die Stelle paradiesischer Naturerlebnisse tritt die als Hölle erlebte Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Die Sequenzen berichten von der Zeit unmittelbar nach der Katastrophe. Vom Schock mit schweren Verletzungen und ohne Vater und Schwester im sterilen Krankenhauszimmer zu erwachen. Von der Begegnung mit ihrer totgeglaubten Mutter. Diese bleibt ihr fremd, kann ihre Verletzungen kaum ansehen und bringt ihrem bisherigen Leben keinerlei Verständnis entgegen. Den Mann, den Katrina bisher für ihren Vater hielt, heißt sie einen Entführer. Neben körperlichen und psychischen Schmerzen bestimmen Zweifel diese Zeit. War der Vater wirklich der, für den ihn alle Welt nun hält? Hat Katrina all die Zeit einen Entführer geliebt? Nur langsam wird der Nebel, der die Geschehnisse der Vergangenheit umgibt, gelüftet. Gegen Ende des Buches hin kulminieren sowohl auf der Gegenwarts- als auch auf der Vergangenheitsebene die Ereignisse, was zu einem atemlosen und spannenden Erzählerlebnis führt. Alle Puzzlesteine werden zusammengetragen, das Bild fügt sich endlich zusammen. Am Schluss steht ein positiver Ausblick und die Botschaft, dass auch nach schwersten Traumata und Verlusten Heilung möglich ist.

Lena Brandauer

 

 

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