Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats Mai:

S.E. Durrant: Der Himmel über Appleton House. Königskinder 2016.

 

 

 

Verschiedene Religionen, Zeiten und Kulturen haben sich das Paradies als Garten imaginiert: Vom Garten Eden des Ersten Testaments über das keltische Avalon, einen Apfelgarten, bis zum germanischen Walhall. Doch für Ich-Erzählerin Ira, die eigentlich Miracle heißt, und ihren kleinen Bruder Zac ist der Garten von Skilly House zwar der erste Ort, an dem sie wirklich glücklich sind, aber dennoch weit entfernt von einem Paradies: Denn Skilly House ist ein Kinderheim, in dem die beiden nach mehreren Stationen bei verschiedenen Pflegefamilien untergebracht werden. Die beiden (beim Einsetzen der Handlung im Jahr 1987, die in Form von Iras Tagebuch retrospektiv erzählt wird, sind sie 9 und 7) werden langsam zu groß, um noch eine passende Familie zu finden – und sie möchten unbedingt zusammen bleiben. Skilly House wird als Ort mit Geschichte eingeführt:
„An der Wand hing ein Schild, auf dem Skilly House 1887 stand, was bedeutet, dass das Haus vor hundert Jahren gebaut worden ist, also vor einem ganzen Jahrhundert. Ich dachte an all die Kinder, die schon vor uns vor dieser Tür gestanden und sich gefragt hatten, was sie wohl erwarten würde. Vielleicht war ihre Mutter von einer Pferdekutsche überrollt worden oder war in einem Schornstein stecken geblieben, oder vielleicht hatte sie auch einfach nur das Glück verlassen. Ich setzte eine steinerne Miene auf, damit wer auch immer die Tür öffnen würde, nicht sehen konnte, wie ich mich innerlich fühlte. Zac schnappte immer wieder nach Luft, als wäre er außer Atem. Aber er war nicht außer Atem. Er hatte Angst.“ (S.11f)
Das hier angesprochene Wissen um die eigene Geschichte und vor allem die genaueren Umstände des Verlassenwerdens vermissen die beiden schmerzlich – sie wissen nichts über ihre Mutter oder warum sie nicht bei ihr bleiben konnten. Ihr Erinnerungsalbum ist gefüllt mit Fotos der verschiedenen Pflegefamilien und einem einzigen aus der Zeit davor, auf dem jedoch nur sie als Kleinkinder und ein Hund zu sehen sind. In Skilly House wird durchaus bemüht und liebevoll auf die Kinder eingegangen, aber eine richtige Familie ist es nicht. Und wenn eines der anderen Kinder doch das Glück hat, eine neue Familie zu finden, mischen sich Abschiedsschmerz, Neid und die Angst, den Rest der  Kindheit im Heim verbringen zu müssen… Dann dürfen die beiden erstmals auf Urlaub fahren, zu einer alleinstehenden älteren Dame namens Martha, in ein großzügiges Haus am Land, das wie sonst „nur Kinderheime und Gefängnisse“ einen Namen trägt: Appleton House. Trotz anfänglicher Missgeschicke fühlen sich die Kinder dort sehr wohl, und schöpfen Hoffnung, vielleicht endlich ein bleibendes Zuhause zu finden. Die Ereignisse finden ihren dramatischen Höhepunkt zeitlich konkret verortet, als im März 1990 in London gegen die von der Regierung Thatcher eingeführte Kopfsteuer protestiert wird. Zac ist davon überzeugt, dort endlich ihre  Mutter finden zu können, gerät in die immer gewalttätiger werdenden Ausschreitungen. Ein Unglück geschieht. Von einem Moment auf den anderen scheinen das erhoffte neue Leben und die Beziehung zu Martha gescheitert. Doch diese wunderbar vielseitig gezeichnete Figur, die der Meinung ist, Gott wohne im Garten, ermöglicht den Kindern schließlich einen Paradiesgarten – nicht für die Ewigkeit, aber zumindest bis zum Erwachsenwerden.


Kathrin Wexberg

religion-im-kinderbuch.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.