Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats Juli:

Linde Hagerup: Ein Bruder zu viel. Aus dem Norweg. v. Gabriele Haefs. Mit Bildern von Felicitas Horstschäfer. Gerstenberg 2019.


Ist die junge deutsche Kapitänin Carola Rackete, die im Juni 2019 Flüchtlinge aus Seenot rettete und gegen den Willen der italienischen Behörden ans Ufer Lampedusas brachte, eine „Heldin“ oder eine „Verbrecherin“? Diese Frage wurde in Medien und Politik heftig und teilweise sehr gehässig diskutiert. Und sie macht deutlich, dass ethisch richtiges Handeln nicht immer (oder vielleicht sogar niemals…) mit einem objektiven Maßstab gemessen werden kann. Mit diesem Umstand sind auch Kinder tagtäglich konfrontiert – und manchmal geht es dabei nicht nur um alltägliche, kleine Entscheidungen, sondern um ganz existenzielle Themen. Das erlebt die neunjährige Sara, die aus Ich-Perspektive in lyrischer Prosa diesen schmalen norwegischen Kinderroman erzählt. Das Leben in ihrer vierköpfigen Familie mit Mama, Papa und der etwas älteren Schwester Emilie funktioniert sehr harmonisch und ist voller liebevoller Rituale:

„Mama und Papa arbeiten viel.
Manchmal sind sie gestresst.
Dann lächeln sie und sagen, dass sie eigentlich guter Laune
sind und es ihnen nur gerade ein bisschen zu viel wird.
Und dass das doch nicht so schlimm sei.
Und dann kriegen wir jede einen Kuss.“

Doch dann stirbt plötzlich die beste Freundin der Mutter, eine Alleinerzieherin, und die Familie nimmt wie unter den Erwachsenen vereinbart ihren kleinen Sohn Steinar, den Sara noch nie leiden konnte, auf. Sara kann mit dieser massiven Veränderung im Familiensystem gar nicht umgehen, zumal auf den Buben in seiner Trauer sehr viel Rücksicht genommen und familiäre Spielregeln außer Kraft gesetzt werden. Im Grunde ihres Herzens weiß sie natürlich, dass ethisch richtiges Handeln bedeuten würde, Steinar so liebevoll, wie sie es immer erlebt hat, zu behandeln – konkret fühlt sie sich dazu aber nicht in der Lage, zu übermächtig sind Ärger und Wut über diese ohne ihr Einverständnis getroffene Entscheidung.  Als sie zufällig ein Gespräch der Eltern belauscht, in der diese überlegen, ob die Situation wohl leichter wäre, wenn sie ein Bub wäre, fasst sie kurzerhand einen Plan, wie ihn nur Kinderköpfe haben können: Sie nimmt eine neue Identität an.

„Von jetzt an würde ich Alfred sein.
Nur Alfred.
Der beste große Bruder auf der Welt.“

Als Alfred gelingt es ihr, was sie als Sara nicht geschafft hat: Mit dem ungeliebten kleinen Störenfried geduldig und einfühlsam umzugehen. Die Familie, von Felicitas Horstschäfer in expressiven Illustrationen in gelb und blau dargestellt, reagiert auf diesen Rollenwechsel natürlich zuerst irritiert, weiß aber dennoch die darin liegende positive Veränderung wahrzunehmen. Bis schließlich mit vereinten Kräften, und sehr viel unkitschig geschilderter Liebe, das familiäre Gleichgewicht neu ins Lot gebracht wird und damit auch Sara wieder ihren Platz findet.

 

Kathrin Wexberg

religion-im-kinderbuch.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.