Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats Juni:

 

Benji Davies: Opas Insel. Aladin 2016

 

 

Tieftürkise Wellen, weiße Schaumkronen, strahlend heller Himmel – der Vorsatz könnte aus einem Reiseprospekt stammen (inklusive Photoshop, natürlich). Sollte man durch den Text am hinteren Buchdeckel Beunruhigung empfinden, legt sich das schnell wieder angesichts dieser Idylle.
„Als das Abenteuer zu Ende geht, ist nichts mehr, wie es war“, steht dort, und auf einem Dampfschiff sieht man Sam und seinen Opa stehen, winkend zur Ankunft oder zum Abschied, man weiß es nicht. Dreht man das Buch dann wieder um, sieht man am Titel die beiden am Strand einer tropischen Insel stehen. Urlaubsfeeling einmal mehr, und ein bisschen bleibt dieses Gefühl erhalten – auch, wenn man das Buch schließlich zuschlägt.
„Am Ende von Sams Garten, wenn man durch das Tor und am großen Baum vorbeiging, stand Opas Haus. Unter dem Blumentopf lag immer ein Schlüssel für Sam bereit, damit er jederzeit rein konnte.“ Aber als der Junge heute ins Haus kommt, scheint es leer zu sein. Er will schon wieder gehen, da hört er seinen Großvater rufen und folgt der Stimme auf den Dachboden. Noch nie ist er hier oben gewesen, an dem Ort, wo Opa all seine Erinnerungen von vergangenen Reisen und Tagen aufbewahrt. Sogar eine alte Metalltür steht da, und als Sam sie öffnet, finden sich die zwei an Deck eines großen Schiffes wieder, das unbemerkt in der Stadt vor Anker liegt. Mit Opa am Steuer setzt es sich in Bewegung, weit übers Meer, bis Sam schließlich Land sichtet.
Es ist eine besondere Insel: Opa braucht hier keinen Gehstock mehr. Plötzlich wieder agil wie sein Enkel, erkundet er mit Sam den Urwald: freundliche Tiere, bunte Pflanzen, herrliche Wasserfälle, sogar ein bewohnbarer Schuppen – „hinter jedem Zweig versteckte sich ein neues Wunder. Überall war es wunderbar. Sam wäre am liebsten für immer geblieben.“
Aber er kennt die ungeschriebene Regel der phantastischen Welten – Nimmerland, Narnia, Sonnenau, dort, wo die wilden Kerle wohnen – er muss wieder zurück nach Hause.
Aber Opa wird nicht mitkommen.
Der Ort, den Sam für seinen Opa erträumt, ist ein wahres Paradies: Wälder in satten Grüntönen, farbenprächtige Dschungeltiere, die sich über den Neuankömmling freuen und sogar eine Gartenliege samt Beistelltisch und Kaffeeservice aufgetrieben haben. Nein, Opa wird hier nicht einsam sein.
Über der fröhlichen, tröstenden Szenerie wird aber nicht auf den Schmerz derer vergessen, die zurückbleiben: „Sam umarmte Opa zum letzten Mal. Er würde ihn schrecklich vermissen.“ Davies lässt hier viel Weißraum, der Dschungelhintergrund verschwindet, man sieht nur die beiden. Auf der Rückfahrt haben sich die Farben verändert: Das Meer ist zwar noch ruhig, aber fast schwarz, der Himmel sturmgrau.
Als Sam am nächsten Tag zu Opas Haus kommt, ist es endgültig leer.
Das Bild von Opa und dem Orang-Utan, das Sam in einem Briefumschlag am Dachboden findet, wäre gar nicht mehr notwendig gewesen, um die Geschichte abzurunden. „Opas Insel“ ist eine behutsame, sehr friedlich, aber klar erzählte Geschichte vom Abschiednehmen. Abschied vom Leben mit der Hoffnung, dass man keine Schmerzen mehr hat, dass danach noch etwas kommt. Aber auch Abschied von denen, die sterben – mit der gleichen Hoffnung.
Davies greift mit keiner Silbe, keinem Bild vor, aber Sam kennt den Weg zur Insel. Vielleicht wird ihn eines Tages sein Enkel dorthin begleiten.


Simone Weiss

religion-im-kinderbuch.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.