Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats Januar:

 

Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary. Umgesetzt von Ari Folman und David Polonsky. Übersetzt von Mirjam Pressler, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Frankfurt am Main: S. Fischer 2017.

 

 

 

„Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles zum Guten wenden wird, dass auch die Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden.“, schreibt Anne Frank in einem ihrer letzten Tagebucheinträge. Ari Folman und David Polonsky, die im Jahr 2008 mit dem animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“ berühmt und dafür ausgezeichnet wurden, war es besonders wichtig „ganze Textseiten unverändert“ wiederzugeben, um es den Leser_innen zu ermöglichen, über Doppelseiten hinweg in Anne Franks Sprachstil, Emotionen und Träume einzutauchen. Im Anhang des rund 150 Seiten starken, illustrierten Tagebuchs reflektiert das Künstlerpaar konkret darüber, wie sie versucht haben „Annes schriftstellerische Talente“, die im Laufe ihrer Aufzeichnungen immer beeindruckender wurden, möglichst nahe am Original und doch in einer ganz neuen, originären Form zur Geltung bringen zu können. Entstanden ist ein Graphic Diary, das zwei Kunstrichtungen auf eindrucksvolle Weise verbindet: zeitgenössische Comickunst und historisches Tagebuch.
Besonders wirkkräftig gestalten sich David Polonskys Illustrationen, wenn Anne Franks Leidensmomente bildästhetisch ausgedeutet werden. „Annes Phasen der Depression und Verzweiflung haben wir in den meisten Fällen zu Fantasieszenen verarbeitet.“ Diese Tag- und Nachttraumdarstellungen heben sich zu der sequenzierten Erzählstrategie, die etwa Annes Momente der Langeweile ins Bild setzen, deutlich in Form von großformatigen, teils Doppelseiten umfassenden Bildern ab. Das sind zum Beispiel Darstellungen von abstrakten Begriffen, wie Krieg, Konzentrationslager, aber auch das imaginierte Leben nach der Naziherrschaft, das für Anne Frank nach so langer Zeit kaum vorstellbar ist. Polonsky zeichnet ganz- oder doppelseitige Allegorien, die Annes emotionale Innensicht bildästhetisch interpretieren. Neben diesen großformatigen Bildern wird die prekäre Situation in Panels nacherzählt und so die Prozesshaftigkeit der Lebensabläufe auf kleinstem Raum im Hinterhaus genauso eindrucksvoll dargestellt, wie das Gefühl des Eingesperrt-seins, Hunger oder die lähmende Ungewissheit.
„Jetzt, da Miep [Otto Franks Sekretärin] außer Gefecht ist, sollten wir die schlimme Lage unserer Helfer in Betracht ziehen. Sie sind alle vom Himmel geschickte Engel. […] Wenn ich mir vorstelle, was aus uns werden soll, wenn unsere Engel verschwinden, werde ich todtraurig.“ „Die Helfer“, die eingangs unter ebendieser Überschrift mittels Porträts vorgestellt werden und später mit Ritterrüstung, Heiligenschein und Engelsflügeln auf einer Wolke stehen, sind zur unverzichtbaren Stütze der Familien Frank und Daan geworden. Es ist ihr gefährlicher Einsatz, der das versteckte Leben Annes bis zum 4. August 1944 ermöglichte, jenem Tag, an dem das Tagebuch endet. Auch die Helfer_innen konnten nicht verhindern, dass die Familien nach dem Verrat des Verstecks von SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer samt allen Wertsachen verhaftet, getrennt und in Konzentrationslager deportiert wurden…

Peter Rinnerthaler

religion-im-kinderbuch.de

... ist ein Internet-Angebot der Deutschen Bibelgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Georg Langenhorst, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg.