Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats Oktober:

Sarah Michaela Orlovský: ich #wasauchimmerdasheißenmag, Tyrolia 2017

 

 

 

Machen Kleider Leute? Dieser Frage geht Gottfried Keller bereits 1874 nach. Erschienen ist seine Erzählung Kleider machen Leute in der Novellensammlung Die Leute von Seldwyla. Vielleicht darf man sich auch jene Gemeinde, in der die 15-jährige Nono lebt, wie dieses Seldwyla vorstellen: ein wonniger und sonniger Ort im Irgendwo. Das Heimatmuseum ist hier am Mittwoch von 10.00 bis 12.30 Uhr geöffnet, die Kirchturm-Besteigung am Mittwoch und Freitag von 9.00 bis 12.00 Uhr möglich. Da trifft es sich günstig, dass Nono an einem Mittwoch vormittag mit ihrem ganz persönlichen Sommer-Aktionsplan beginnt. Staycation nennt sie es oder „Bleibe-Urlaub | Ferien zu Hause | Daheim-Sein mit Ferienprogramm“ (S. 25). Und wenn schon Seldwyla, dann ordentlich. Also verbindet Nono ihr toeuristisch angehauchtes Sommer mit der Suche nach sich selbst und nutzt dafür die wunderbare Kraft des Stylings. Lassen sich Selbst- und Fremdwahrnehmung immer neu überschreiben – so als wären sie ein Twitter-Accounts?
Was überhaupt umfasst dieses scheinbar simple Wort ICH?
Es gibt für Nono einen Anlass, sich dieser Frage nachhaltiger zu stellen: Unerwartet wird sie ein Geschwisterchen bekommen und fragt sich, wie sehr dieses neue Familienmitglied die Dynamik ihres eigenen Lebens beeinflussen wird.
Und es gibt ein Medium, mit dessen Hilfe Nono ihre Erkundung nach sich selbst dokumentiert. Ein Heft, das sie von ihrer Freundin Verli geschenkt bekommen hat. Es wäre eigentlich gedacht gewesen, um im neuen Schuljahr gemeinsame Ereignisse festzuhalten. Nun aber bedarf es der Notwendigkeit, all jene Gedanken, die sich in Nonos Kopf materialisieren, zu ordnen:

Genau das ist es wohl, dieses Heft hier, meine Gedanken und Notizen, Nonos gesammelte Werke, auf meiner externen Festplatte: Eine Vorwirklichkeit. Eine mögliche Spielart meiner Zukunft. Eine Chance, es doch noch anders machen zu können, bevor es zu spät ist. (S. 40)

Nono schreibt, zeichnet und scribbelt in dieses Heft. In verbloggten Zeiten wählt sie also eine analoge Form der Selbsterkundung – und damit den formalen Rahmen ihrer Ich-Erzählung. Ihre Schreib- und Denkstruktur jedoch, ihre Sprachgebung und Textarrangements sind wesentlich beeinflusst von ihren medialen Erfahrungen: Die junge österreichische Autorin Sarah Michaela Orlovský lässt die jugendliche Figur assoziativ und anspielungsreich erzählen und nutzt dabei intermediale Zitate gleichermaßen wie germanistische Weisheiten zur Textproduktion, die ironisiert und in das fabulierfreudige Erzählen der Ich-Figur eingebunden werden. Die Bandbreite reicht von Sprachspielereien, Wortverdrehungen und humoresken Mechanismen der Wiederholung und Steigerung über kleine Listen und eingestreute Gedichte bis hin zu dramatisierten Dialogpassagen und selbstreflexiven Prosa-Collagen. Ein Textsorten-Patchwork also, das ganz und gar Nonos Selbstwahrnehmung entspricht: Sie vermag sich nicht als Ganzes, als eigene individuelle Persönlichkeit zu begreifen, sondern ihr So-Sein (vorerst) nur bruchstückhaft zu erkunden.
Die genutzte Materialität des Textes wird auf Handlungsebene dann noch einmal gespiegelt und die sprachliche Ich-Erprobung in Form theatraler Selbstinszenierung fortgesetzt: Durch Zufall bemerkt Nono am Schulanfang die Reaktion auf ein ungewöhnliches Outfit und macht den Zufall zum System: Sie nutzt ganz explizite Styling-Varianten und begibt sich damit auch in unterschiedliche Szenen (wohlgemerkt im Rahmen der Möglichkeiten, die ihr nicht-urbanes Umfeld hergibt). Und plötzlich ist sie nicht mehr nur sommerliche Waldfee, sondern auch Skaterbraut und Sportskanone. Wurde die Begegnung mit dem Raster-Man noch als pathosreiche Sommerliebe vorgetragen, relativiert sich der hysterisiert präsentierte WOW-Effekt durch eine veritable Anzahl solcher WOW-Effekte, die dennoch allesamt ins amouröse Nichts führen. Liegt auch hier das Gute so nah? Denn gerade der charmante Normalo, der neu in Nonos Klasse ist, entpuppt sich als besonders kreativ in der Wahl gemeinsamer Freizeitgestaltung und als besonders aufmerksam, wenn es darum geht, Nono nicht nur zu bemerken, sondern auch in ihrem So-Sein zu erkennen.  
Es ist also nicht das Out-Fit, das letztlich dazu führt, dass Nono ein Fazit darüber zu ziehen vermag, was sie schon mal nicht will. Was genau sie will, muss nicht in neun Monaten geklärt werden. Obwohl am Ende dieser neun Monate eine grundmenschliche Erkenntnis: Das Ich braucht das Du um seine Zugehörigkeit und Selbstüberzeugung zu finden. Und auch wenn Sarah Michaela Orlovský ihrer 15jährigen Ich-Erzählerin beim Anblick des neuen Geschwisterchens (für meinen Geschmack) ein Zuviel an mütterlichen Gefühlen überstülpt, so weiß sie diesen Moment doch überzeugend zu nutzen, um Nono erst einmal ankommen zu lassen. Auch wenn Nono sich in ihrem weiteren Leben noch vielfach auf den Weg machen wird, um zu klären, was es mit diesem ICH wohl auf sich hat; auch wenn sie dieses ICH noch vielfach neu überschreiben wird – sie hat am Ende des Romans zur Überzeugung gefunden, dass sich die eigene Besonderheit am allerdeutlichsten im Gegenüber spiegelt. Und für die Leser_innen war der Weg zu dieser Erkenntnis wohl selten so kurzweilig.

Heidi Lexe


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