Religion im Kinderbuch

Buch des Monats

Diese Rubrik wird vom Team der STUBE (Wien) unter der Leitung von Dr. Heidi Lexe betreut. Informationen, Rück- und Anfragen unter www.stube.at.

Das "religiöse Kinderbuch des Monats" des Borromäusvereins finden Sie auf den Seiten von medienprofile.de!

 

Buchtipp des Monats Januar:

 

Julia Rabinowich:Dazwischen: Ich. München: Hanser 2016

 

 

„Wir sind noch nicht wirklich hier, aber ich arbeite daran“, schreibt Madina, die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin zu Beginn des Romans in ihr Tagebuch und formuliert dabei eine Richtung, ein Ziel. Mit „hier“ ist die deutschsprachige Provinz, das neue Leben, die Schule, der attraktive Markus gemeint. „Hier“ ist aber auch die schäbige Pension, das ständige Angewiesen sein auf Almosen, die Bürokratie. Dennoch ist es die bessere Alternative zum Krieg in einem nicht näher benannten Land, vor dem Madinas Familie geflüchtet ist.
„Dazwischen: Ich“ ist der erste Jugendroman der renommierten österreichischen Schriftstellerin Julya Rabinowich, die selbst als Kind mit ihren Eltern von Russland nach Österreich übersiedelte und ihre eigene Migrationsgeschichte als „entwurzelt & umgetopft“ bezeichnet. Mit dem Thema Flucht im engeren Sinn beschäftigte sie sich nicht nur in ihren literarischen Texten für Erwachsene, sondern auch im Rahmen ihrer Tätigkeit als Simultanübersetzerin, wo sie vor allem Therapiesitzungen mit schwer traumatisierten Menschen dolmetschte.
Die Form des Tagebuchs, mit der sie hier arbeitet, ermöglicht ganz unterschiedliche Tonlagen des Erzählens: Vom knappen „Das ist unfair, was ich gestern geschrieben habe.“ über ausführliche Reflexionen bis hin zu Träumen. Bestimmend ist dabei stets das Gefühl des „dazwischen“: Zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, zwischen Vater und Mutter, zwischen unbeschwerter Party und Erinnerungen an den Krieg. Durch die Perspektivierung werden differenziert ganz unterschiedliche Arten nachgezeichnet, wie Madina die Menschen im neuen Land erlebt: Da ist Laura, die ganz selbstverständlich ihre beste Freundin ist, aber auch Schulkolleg_innen, die sie beschimpfen und verhöhnen. Da ist eine Lehrerin, die an Nachmittagen mit ihr lernt, (und ihr dabei auch gewaltig auf die Nerven geht…), aber auch die „Chefin“ der Flüchtlingsunterkunft, die gerne mal auf Dinge wie Seife oder Klopapier vergisst.
Der Autorin ist eine bemerkenswerte Mädchenfigur gelungen, die mit starker Stimme von den emotionalen und gesellschaftlichen Nöten ihrer Situation erzählt. Aussagekräftig ist zudem die achtsame, aber dennoch kritische Art, mit der Madinas schwierige Beziehung zu ihrem Vater geschildert wird, der die Unsicherheit der Situation während des Wartens auf den Asylbescheid durch immer traditionelleres, immer patriarchaleres Verhalten zu kompensieren versucht. Die Lage spitzt sich zu, als der Vater beschließt, in den Krieg zurück zu kehren, um seinem Bruder beizustehen, der verschleppt wurde, um ihn zu erpressen. Madina und die anderen Frauen in der Familie hingegen möchten bleiben – und müssen dafür einen Weg finden.

Jana Sommeregger/Kathrin Wexberg

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